Kafka-Biographie

         
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Kafka.
Die frühen Jahre
 
Kafka.
Die Jahre der Entscheidungen
 
Kafka.
Die Jahre der Erkenntnis
2014   2002   2008
         

 

 

Der Plan

Das Projekt einer umfassenden Biographie über Franz Kafka wurde Mitte der neunziger Jahre entwickelt. Es gab zu diesem Zeitpunkt gleich mehrere Gründe, die sowohl mich als auch den S.Fischer Verlag zu der Überzeugung brachten, ein solches Unternehmen sei nicht nur realisierbar, sondern auch dringend geboten.

Zum einen war auffallend, dass es inmitten der Flut von Sekundärliteratur zu Kafka nur sehr wenige ernstzunehmende biographische Versuche gab. Die von Klaus Wagenbach verfasste Jugendbiographie von 1958 war längst vergriffen, eine andere Biographie in deutscher Sprache lag nicht vor, abgesehen von schmalen Einführungen. Nur wenig besser war die Situation im englischen Sprachraum; zuletzt war hier die Biographie von Ernst Pawel erschienen, deren deutsche Übersetzung ebenfalls schon vergriffen war.

Dieser publizistische Stillstand spiegelte jedoch keineswegs einen Stillstand der Forschung wider. Tatsächlich hatte sich das Wissen über Kafkas private Lebensumstände, über die Entstehungsgeschichte seiner Werke sowie über seine politische, soziale und kulturelle Lebenswelt seit den sechziger Jahren vervielfacht und ausdifferenziert. Allein die zahlreichen Beiträge des Literaturwissenschaftlers Hartmut Binder veränderten das Bild Kafkas nachhaltig, neben den Recherchen weiterer deutscher und amerikanischer Forscher. Doch diese Beiträge waren verstreut über wissenschaftliche Fachpublikationen und daher einem breiteren Publikum unbekannt. Eine der wichtigsten Aufgaben einer künftigen großen Kafka-Biographie musste es daher sein, die bereits vorliegenden neueren Forschungsergebnisse aufzugreifen, in ihrer Bedeutung zu bewerten und schließlich zu synthetisieren.


Die Textgrundlage

Es gab einen zusätzlichen Faktor, der das Projekt begünstigte: Die bei S.Fischer erscheinende Kritische Ausgabe der Schriften Kafkas war soeben abgeschlossen worden (mit Ausnahme der Briefedition), so dass zum ersten Mal die Möglichkeit bestand, den Entstehungsprozess aller Notate Kafkas ― sofern sie überliefert sind ― im einzelnen nachzuvollziehen. Gerade bei einem Autor, dessen literarische Hinterlassenschaft zum überwiegenden Teil aus Fragmenten besteht, eröffnet das tiefe Einblicke ― nicht zuletzt in die Absichten dieses Autors. Bei der Arbeit an den Bänden Kafka. Die Jahre der Erkenntnis und Kafka. Die frühen Jahre konnte ich dann auch schon auf kritisch edierte Briefe Kafkas zurückgreifen.


Umfang und Gliederung

Der verhältnismäßig große Umfang der Gesamtbiographie ist die Folge teilweise von äußeren Bedingungen, teilweise aber auch von Entscheidungen, welche die Form der Darstellung betreffen. Die immense Vielfalt neuerer Forschungsergebnisse auf den verschiedensten Gebieten ― darunter das Prager Umfeld, die deutsch-tschechischen Beziehungen sowie Kafkas Verhältnis zu Judentum und Zionismus ― verlangte nach Raum. Die Entscheidung, auch das szenische Erzählen als ein wesentliches Mittel der biographischen Darstellung zu nutzen, machte dann eine mehrbändige Anlage der Biographie unerlässlich.

Die chronologische Gliederung wurde im wesentlichen durch die Quellenlage vorgegeben. Aus den Frühen Jahren vor 1910 sind weder Tagebücher noch umfangreiche Briefwechsel Kafkas überliefert, so dass ich hier vermehrt auf andere Quellen zurückgreifen muss (Tagespresse, Memoiren, Briefe und Tagebücher von Zeitzeugen etc.).

Die Jahre der Entscheidungen (1910-1915) sind hingegen außerordentlich gut dokumentiert, häufig sogar von Tag zu Tag, so dass sich diese Epoche besonders gut dazu eignet, die für Kafka charakteristische ›private‹ Logik zu erforschen und darzustellen. Überdies fallen in diesen Zeitraum auch seine intensivsten Schaffensphasen.

Die Jahre der Erkenntnis (1916-1924) sind nur phasenweise mit Tagebüchern und Briefen belegt. Allerdings dominierten hier äußere Ereignisse, die wiederum das häufigere Einbeziehen von Zeitdokumenten erfordern.


Die Abfolge der Bände

Die Entscheidung, mit dem ›mittleren‹ Band zu beginnen, war zunächst keine freiwillige. Sie wurde dadurch erzwungen, dass eine sehr bedeutende Quelle, der Nachlass Max Brods, unzugänglich war ― eine Quelle, die vor allem für die schlecht dokumentierten frühen Jahre eine Bereicherung versprach. Auf einige der unpublizierten Notate Max Brods konnte die Biographie schließlich zurückgreifen, der gesamte Nachlass Brods ist jedoch nach wie vor juristisch umkämpft.


Biographisches Erzählen

Die Kafka-Biographie folgt der Maxime, dass alle angeführten Fakten, auch unscheinbare Details, entweder belegbar oder ›nach menschlichem Ermessen‹ authentisch sein müssen. Wissenslücken oder bloße Wahrscheinlichkeiten sind also kenntlich zu machen, fiktionale Ergänzungen sind tabu.

Andererseits bedient sich meine Biographie bestimmter Erzähltechniken, die aus der fiktionalen Literatur bekannt sind. Das hat bei manchen Rezensenten vor allem aus dem akademischen Milieu zu Irritationen geführt, und vereinzelt wurde der Vorwurf erhoben, es handele sich um einen ›biographischen Roman‹.

Die überwältigende Mehrzahl der Leser und Kritiker hat die beiden grundsätzlichen Entscheidungen jedoch keineswegs als Widerspruch empfunden, und entsprechend positiv war die Resonanz. Auch die Überprüfung des Projekts, die der Übersetzung ins Englische voranging und die nach literaturwissenschaftlichen Kriterien erfolgte, war im Ergebnis positiv.

Eine ganz andere Frage ist freilich, ob sich der Anspruch auf Wahrheit und der Anspruch sprachlich durchgeformten Erzählens nicht doch hin und wieder aneinander reiben. Das kann jedoch nicht global, sondern nur anhand einschlägiger Passagen beantwortet werden. Gerade bei Kafka ist die Verschränkung ›inneren‹ und ›äußeren‹ Erlebens oft so komplex, dass die Idee, es gäbe hier so etwas wie eine ›adäquate‹ Form der Darstellung, ohnehin verfehlt ist.


Die Vollendung

Die Arbeit am dritten und letzten, chronologisch jedoch ersten Band Kafka. Die frühen Jahre wurde im April 2014 abgeschlossen. Die gesamte für die Biographie aufgewendete Arbeitszeit betrug somit achtzehn Jahre. Das Buch erscheint am 25. September 2014.